Zur Startseite

Liebe BolgfelderInnen

vor einiger Zeit beobachtete eine Kollegin folgende Situation:

Eine Familie – Mutter-Vater-Kleinkind (ca. zwei Jahre) auf dem Spielplatz. Der Vater schaut in sein Handy, die Mutter beobachtet ihren Sohn, der in sein Tun vertieft in der Sandkiste sitzt und macht, was Kinder so machen in diesem Alter: Sand in einen Eimer reinschaufeln und auskippen… reinschaufeln und auskippen…

Die Mutter scheint zunehmend beunruhigt von dieser Situation. Sie kramt in ihrer Tasche, holt einen kleinen Ball hervor und hält ihn ihrem Sohn vor die Nase: „Look! It´s a ball! It´s red!“ Der Sohn – in seinem Spiel (seiner Arbeit) gestört – schaut auf, nimmt den Ball und wirft ihn weg – was man eben so macht in diesem Alter: Dinge wegwerfen… sich die Dinge wieder geben lassen… Dinge wegwerfen…

Die Mutter aber ist tief enttäuscht. Mit frustriertem Gesichtsausdruck wendet sie sich ihrem Mann zu und sagt: „Jetzt hat er ihn wieder einfach nur weggeworfen!“ Dabei hat sie ihrem Kind doch frühkindliche Lernerfahrungen ermöglichen wollen – getreu dem Motto „Was Hans nicht lernt, lernt Hänschen nimmermehr!“ Sie will doch nur das Beste für ihr Kind, keine Bildungschance verpassen; der Weg zum Abitur ist vorgezeichnet...! Wie so oft – gut gemeint! Doch – worauf kommt es wirklich an?

Kürzlich las ich über das Schulfach GLÜCK.

Glück, das ist so ein Gefühl, irgendwie nicht greifbar, für jede/n anders, irgendwo im Bauch angesiedelt, und wenn wir ganz viel Glück haben, bemerken wir es ab und an… und schwupps, ist es auch schon wieder vorbei. Manchen Menschen fällt es in den Schoß, andere spüren es, wenn sie sich sehr für etwas angestrengt und geschafft haben. Mit Glück erinnern wir uns an diese ganz besonderen Momente, in denen wir spüren, dass ALLES STIMMIG IST und wir mit uns selbst im Reinen sind.

Aber GLÜCK als Schulfach? Besagte Spielplatzmutter würde das – wie viele andere „bildungsgehypte“ Eltern als „vertane Zeit“ abtun. Und überhaupt – kann man GLÜCK lernen?

Seit 2018 gibt es das Schulfach Glück in mehr als 100 Schulen in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Berlin. Die Idee zu diesem Schulfach – ohne Zensuren, ohne Leistungsdruck – hatte der (zunächst als Spinner abgetane) ehemalige Berufsschulleiter Ernst Fritz-Schubert schon im Jahr 2007. Mittlerweile bildet er in seinem Heidelberger Institut Glücks-Lehrer aus. Angesiedelt an der Schnittstelle von Psychologie und Philosophie geht es dabei um sehr praktische und körperbetonte Übungen, die die SchülerInnen zum Nachdenken über sich selbst anregen: Wer bin ich? Wo sind meine Stärken? Was treibt mich an? Wo will ich hin?

„Das Glück ist nur sehr schwer
in uns selbst zu finden
und unmöglich woanders.“

Schopenhauer

Ziel des Glücksunterrichtes ist nicht, die Kinder ständig auf einer rosaroten Wolke und in einem stetigen „Happy-Zustand“ durchs Leben tanzen zu lassen. Vielmehr sollen die Kinder/ Jugendlichen Erfahrungen über sich selbst sammeln mit dem Ziel, eine gesunde Basis zu entwickeln, auf der sie ihr Leben eigenverantwortlich gestalten.

„Lehrer sollten nicht Fehlersucher sein, sondern Schatzsucher.“ (Ernst Fritz-Schubert). Im Unterrichtsfach Glück helfen LehrerInnen den Kindern zu einem positivem Selbstbild mit allen Stärken und einschließlich aller „Schwächen“, machen ihnen Mut, ihre Potenziale zu entdecken, unterstützen sie beim Wachsen und manchmal auch beim „über sich selbst Hinauswachsen“.

Bei Stärken und Schwächen geht es nicht um „Sport 1 und Mathe 5“, sondern um Charaktereigenschaften: Wie bin ich im Umgang mit anderen? Wie fühle ich mich in Gruppen? Was traue ich mir zu; was ängstigt mich? Was kann ich tun, dass es mich nicht mehr ängstigt?

In praktischen Übungen – die unter die Haut gehen und sich somit im Gehirn verankern – üben die SchülerInnen z. B., MitschülerInnen Komplimente zu machen. Sie erleben, wie schön es ist, anderen eine Freude zu machen – viel besser als jemanden zu demütigen!

Auch das Scheitern wird thematisiert – denn es gehört unausweichlich zum Lernen und Leben dazu. Umwege können uns lehren, Herausforderungen anders zu begegnen und sie somit besser zu bewältigen.

Wir alle, die in Schulen und Kitas arbeiten, sollten GlückspädagogInnen sein. Kinder brauchen uns als Mutmacher, immer wieder Fragen zu stellen, sie brauchen uns als Menschen, die für etwas „brennen“ und bei ihnen die „Flamme der Begeisterung“ anzünden; sie brauchen uns, um ihnen Schlüsselerlebnisse zu vermitteln, die für sie bedeutsam sind und zu Erinnerungsschätzen werden – und all das auf dem Nährboden von Wohlwollen und emotionaler Wärme.

Vielleicht – würde es in allen unseren Schulen dieses Unterrichtsfach Glück geben – würden wir uns mehr mit den Charakteren der jungen Menschen beschäftigen anstelle mit ihren Mathe-, Deutsch-, Englischzensuren – würden wir uns mehr auf sie einlassen anstatt auf sie einzureden… ganz vielleicht würden wir dann nicht immer wieder von Schülern hören und lesen, die zu Amokläufern werden!

Ihnen allen viel Glück…

Ihre Elke Meiners


PS.: Am Abend berichtete meine Kollegin – im Beisein ihres dreijährigen Sohnes – ihrem Mann von der Begebenheit auf dem Spielplatz. In Ermangelung eines Balles nahm sie das kleine rote Feuerwehrauto ihres Sohnes: „Look! It´s a ball! It´s red!“ Worauf dieser sich empörte: „Mama, NEIN, das ist kein Ball, das ist ein Feuerwehrauto!“ Frühkindliches Lernen – nebenbei und völlig ungeplant!