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Liebe BorgfelderInnen

Liebe BorgfelderInnen,
ab und zu ist es sinnvoll, einmal über den Tellerrand der eigenen Lebenswirklichkeit hinauszublicken. Ich nutze dazu die Möglichkeit des jährlichen Bildungsurlaubs; im Dezember des vergangenen Jahres ging es um „Armut und Reichtum“ in Deutschland. Über Armut reden viele Menschen in unserem Land, gerne auch diejenigen, die einkommenstechnisch sehr weit davon entfernt sind. Und würde jeder Fall von Steuerhinterziehung derartig Eingang in die Presse finden wie die (vergleichsweise selten vorkommenden) Sozialhilfebetrügereien…die Zeitungen wären übervoll. Während die einen sich trotz Geschäftspraktiken (in denen durchaus eine als kriminelle Energie zu bezeichnende Haltung zu erkennen ist) und folgeträchtigen Fehlentscheidungen mit horrenden Boni abfinden lassen, geraten die anderen (nicht zuletzt als Folge dieser Fehlentscheidungen) in einen Abwärtsstrudel, der in vielen Fällen in der „Auflösung“ sämtlicher Rücklagen und in dem Bezug von Hartz IV mündet. Wer Herrn Spahn Glauben schenken möchte, dass der Hartz-IV-Bezug nicht gleichzusetzen sei mit Armut, der sollte einen Blick auf die folgende Tabelle werfen: Bundesweit ist jedes siebte Kind von Hartz IV betroffen – in Berlin und Bremen ist es jedes dritte! Und auch wenn ein großer Teil davon nach Deutschland geflüchtete Kinder sind, ist der verbleibende Teil beschämend groß!

 

Während des Bildungsurlaubs sahen wir den Film „Ich, Daniel Blake“. Protagonisten dieses Films sind ein 59jähriger Zimmermann in Großbritannien, der nach einem schweren Herzinfarkt in die Fänge zwischen Sozial- und Arbeitslosenhilfe gerät, sowie eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die nach zwei Jahren in einer Obdachlosenunterkunft einen Neuanfang in einer anderen Stadt versucht.

Man sieht in diesem Film MitarbeiterInnen in den Ämtern, die abweisend und auf ihre Richtlinien bezogen arbeiten. Man sieht andere MitarbeiterInnen, die unterstützend helfen möchten, von ihren Vorgesetzten aber mit dem Hinweis auf Fallzahlen, Zeitvorgaben und eventuelle Präzedenzfälle zurückbeordert und gerügt werden. Man sieht Scham und Trotz auf der einen, Betroffenheit und Arroganz auf der anderen Seite. Man sieht Menschen, die um ihre Würde ringen, und andere, die ihnen diese nicht zugestehen. Wenn Sie eine Idee von der Absurdität des Systems und der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen haben möchten, schauen Sie sich diesen Film an.

Uns BildungsurlaubsteilnehmerInnen hat dieser Film betroffen und fassungslos gemacht - mit Ausnahme eines jungen Syrers: Ihn hatte der Film wütend zurückgelassen. Unsere Hoffnung, dass es in der BRD „besser“ zugehe als in Großbritannien, nahm er uns: Er habe genau diese Haltung von Mitarbeiterinnen im Job-Center erlebt, vielmehr noch sei er aufgrund seiner (von Flucht und Hunger ausgemergelten Figur) verhöhnt worden.

Am nächsten Bildungsurlaubstag breitete Diakon Harald Schröder, der tagtäglich mit seinem Rucksack-Café aufsuchende Seelsorge im Bremer Bahnhofsquartier betreibt, einen Teppich unterschiedlichster Gegenstände vor uns aus, die für Obdachlose eine besondere Bedeutung haben:
Wasserhahn (es gibt im Innenstadtbereich nur drei Zapfstellen für kostenloses Trinkwasser)
Glühbirne (Obdachlose verbringen insbes. im Winter viele Stunden in Dunkelheit, können dann auch nicht lesen…)
Briefe (Wohin geht die Post?) Uhr (notwendig, um in Kontakt zu bleiben; Obdachlose haben oftmals kein Zeitgefühl für Stunden/Tage/Wochen und somit Schwierigkeiten, zu Terminen zu erscheinen)
Toilettenpapier (Es gibt unter den Obdachlosen Viele, die noch einer Berufstätigkeit nachgehen; für diese Menschen ist die Hygiene ein großes – und teures – Problem: Duschen in einer Fernfahrertoilette – €2,50, Toilettenbesuch € 1,00, tägliche Nutzung eines Bahnhofsschließfachs für das wenige Hab und Gut - €5,00, Waschsalon - €5,00)
Schlüssel (es gibt für Obdachlose keinen Schutzraum, vorherrschend ist die Sehnsucht nach einer eigenen – bezahlbaren – Wohnung)
Pflaster (es gibt ein Netzwerk von Menschen, die Obdachlosen helfen…aufsuchende Ärzte, die ohne Versicherung behandeln; Frisöre, die einmal monatlich Obdachlose frisieren)…

Im Bremer Bahnhofsumfeld leben 500 bis 600 Obdachlose – mehr oder weniger von uns unbemerkt. Wir sehen sie bei Einkäufen in der Stadt – oder besser: wir übersehen sie! Wir berauben sie ihrer Würde, in dem wir nicht nur ihr Aussehen, ihre Not, ihre ausgestreckten Hände nicht an uns heranlassen, sondern indem wir sie NICHT sehen!

Während ich den Kindern in der Kita die Geschichte vom Heiligen St. Martin erzähle, der seinen Mantel mit dem frierenden Bettler teilt, versuche ich in der Stadt, bettelnden Menschen aus dem Weg zu gehen. Wenn ich einem dieser Bettler einen Euro zustecke, frage ich mich, ob meine Scham größer ist als seine! Ich schäme mich für meine Haltung, für meine Kategorisierungen (alte Bettler – ok, junge bettelnde Menschen – nein, und: Warum arbeiten die nicht?), für meine Vorurteile (Das Geld wird sowieso in Schnaps umgesetzt!), für mein Unvermögen, auf diese Menschen zuzugehen (Was sollen Andere denken, die mich sehen?). Das ist meine ganz private Scham, mit der ich allein fertig werden muss und von der ich hoffe, sie bald zu überwinden, wenn ich auf einen bettelnden Menschen zugehe und frage, ob ich ihm etwas bringen kann (denn auch das ungefragte Bringen von Alkohol oder Esswaren ist entwürdigend!).

 Die kollektive Scham, in einem reichen Land mit ganz viel Armut zu leben, ist eine andere. Die kann man gut auf Politiker abwälzen, die nicht oder falsch handeln. Tatsache ist aber, dass die Vielzahl von Tafeln, die es in der BRD gibt(und die ein großes soziales Engagement von Privatpersonen spiegeln), im Grunde das Ergebnis skandalöser Versäumnisse und Fehlentscheidungen auf Seiten der Regierungsparteien ist.

 Obdachlosigkeit ist die Spitze der Armut. Armut bedeutet gesellschaftliche Ausgrenzung und die Verweigerung von sozialer Teilhabe – allen sogenannten Teilhabepakten zum Trotz! Armut verursacht Scham. Scham und Würde sind unvereinbar!

Es ist an der Zeit, dass wir umdenken und neue Wege gehen. Ein Weg wäre, mit unseren Steuergeldern Leben zu finanzieren – und nicht Armut zu organisieren. Wir haben - in mehrfacher Hinsicht - die WAHL!

 „Diktaturen sind entstanden und werden geduldet, weil das Gefühl für die Würde und das Recht der Persönlichkeit nicht mehr genügend lebendig ist.“

Albert Einstein 1934 in einem Aufsatz Den Weg des würdevollen Miteinanders zu verlassen, ist ein gefährlicher Weg!

Ihre Elke Meiners