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Liebe BorgfelderInnen,
Kinder sind wahre Meister im „Als-ob“Spiel…. „Ich bin jetzt mal…!“ „Das ist jetzt mal…!“ Der flache Sandhaufen in der Sandkiste wird zur leckeren Pizza und jeder leicht gekrümmte Stock zum Entsetzen friedliebender Eltern zur Pistole. Der klassische Quaderholzbaustein ist ein bei Kindern beliebtes Telefon, auf dem Kind nunmehr nicht mehr tippt, sondern wischt. Leider ist dieses Wischen aber nicht nur der genauen Beobachtungsfähigkeit der kleinen Erdenbürger geschuldet, sondern oft mals auch der eigenen Handhabung.

Laut der Erhebung „Kinder am Tablet-Beobachtungen zur Medienaneignung zwei- bis sechsjähriger Kinder“ des Deutschen Jugend-Instituts (DJI) (2016) haben 11 Prozent der Einjährigen, 26 Prozent der Zweijährigen, 31 Prozent der Dreijährigen und 37 Prozent der 4-Jährigen Erfahrung mit Apps. (Quelle: Schau hin – Was dein Kind mit Medien macht!)

Bestenfalls ist zu hoffen, dass die Anzahl übergewichtiger Kinder rückläufig ist, denn bekam das beim Einkauf quängelnde Kleinkind bislang Keks und Nuckelflasche in den Mund gesteckt, erhält es jetzt das mütterliche Smartphone mit einer „Kinder“-App.

Das Wort Digitalisierung war eines der meistgehörtesten im zurückliegenden Wahlkampf…die Digitalisierung der Gesellschaft im Großen und Ganzen, genauer gesagt die der Industrie, der Medizin, der Mobilität und nicht zuletzt auch der Bildung. Und getreu dem Motto „Was Hänschen nicht lernt…“ sollen nun mehr auch ErzieherInnen in den Kitas Kinder fit und kompetent machen für die Medienwelt (Was genau bitte bedeutet das?). Während man meine jüngeren KollegInnen schon zu den sog. digital natives zählen kann, gehören ich und viele andere ErzieherInnen in den Kitas zu einer Generation, die aufgewachsen ist, als das Internet noch nicht erfunden war. Alles was ich am PC/im Netz mache, ist Folge von „learning by doing“…zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt als dem Kindesalter. Warum also soll man unbedingt so früh damit anfangen?

Wie immer gibt es viele Studien und noch mehr Meinungen zu diesem Thema. Auf der einen Seite Prof. Stefan Aufenanger, Medienpädagoge an der Universität Mainz. Sein Credo: In jeder Bildungseinrichtung sollte es kleine Medienecken geben, in denen eine Vielzahl von Medien angeboten wird. Wenn dort pädagogisch sinnvoll gearbeitet wird und die Erzieher darauf vorbereitet sind, werden die Kinder lernen, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Medien abzuschätzen. Alle unsere Erfahrungen zeigen: Je früher die Kinder die Möglichkeit haben, in diesen Institutionen mit Computer rund Internet zu arbeiten, umso kompetenter und kritischer können sie mit den Medien umgehen. (Quelle:Bildungsklick)

Ihm widerspricht der Hirnforscher Manfred Spitzer, der in seinem Buch Digitale Demenz vor den Folgen eines zu frühen und ungezügelten digitalen Medienkonsums warnt. Die von ihm zusammengetragenen Zahlen sind erschreckend: »Etwa 250 000 der Vierzehn- bis Vierundzwanzigjährigen gelten als internetabhängig, 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer.« (Jahresbericht der Suchtbeauftragten der Bundesregierung Mechthild Dyckmans, 2012) Im Jahr 2009 (!) lag der tägliche Medienkonsum deutscher Neuntklässler bei über 7 Stunden täglich – ohne die Nutzung von MP3-Playern und Handys! (Ergebnis einer Befragung von 43 500 Schülern)

Spitzer ist kompromisslos – Tablets & Co. gehören nicht in die Hände von Kindern – weder zuhause noch im Kindergarten.

Gefühlt bin ich näher bei Herrn Spitzer, sehe seine kompromisslose Haltung aber ebenso kritisch wie die der Befürworter (die oftmals irgendwie mit Konzernen verbandelt oder in der Entwicklung entsprechender Software tätig sind). Vor allen Dingen aber sehe ich tagtäglich, dass die Realität eine andere ist als die von Herrn Spitzer gewünschte, dass Kinder mit diesen Medien zu tun haben. Was also tun?

Erst einmal haben wir (das Kita-Team) uns informiert (denn auch wenn man etwas nicht will, sollte man wissen, warum nicht!). An einem Fachtag haben wir uns mit Hilfe von Blickwechsel – Verein für Medien- und Kulturpädagogik einen Überblick über Apps- für Kinder und Einsatzmöglichkeiten von Tablets in der Kita schlau gemacht. Das Ergebnis: die sog. Lernspielapps wie Schlaumäuse oder ähnliche fielen bei uns allesamt durch. Wir konnten zum Beispiel keinen Sinn darin sehen, Töne auf dem Tablet zu unterscheiden, wenn wir sie mit anderen realen Musikinstrumenten hätten spielen können. Die Ansprache der Kinder bei den Apps war in unseren Ohren triefend kindertümlich, die Hintergrundmusik unerträglich.

Anders war es bei dem Themenbereich Fotografie und Film. Selber „Dalli-Klick“-Serien (die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleichtnoch an Hans Rosenthal) oder kleine Trickfilme herzustellen ist in unseren Augen ein sinnvoller und kreativer Umgang mit demTablet.

Ein kleines Beispiel: Eine Person sitzt am Tisch und sagt: „Ich habe solch einen Durst. Ich hätte gerne eine Flasche Wasser!“… und (durch Schnitttechnik) hat sie im nächsten Moment eine Flasche Wasser in der Hand! Solche Sequenzen herzustellen macht nicht nur Spaß, sondern vermittelt den Kindern auch das, was für mich digitale Kompetenz ausmacht:

Das, was wir im Netz oder im Fernsehen sehen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern etwas, was andere Menschen gemacht haben!

Zurück zu den Schlaumäusen, einer Lernförderungssoftware zur Sprachförderung, deren Welt aus Orten wie dem Wörtersee, dem Gutenberg, der Eselsbrücke und dem Humboldthain besteht. Allein an diesem Wörterspiel, das wir Erwachsene ganz amüsant finden, mit dem Kinder aber überhaupt nichts anfangen können, zeigt sich, an wen sich das Programm in erster Linie richtet: An besorgte Eltern, die nur das Beste für ihr Kind wollen.

Das Beste, was Eltern für ihr Kind mit Blick auf die Sprachentwicklung tun können, ist nicht die Anschaffung von Lernspielsoftware, sondern das gemeinsame Sprechen, das Vorlesen und gemeinsame Anschauen von Büchern, das miteinander Fantasieren, Spekulieren, Fabulieren… Dazu Prof. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen: Wenn behauptet wird, dass etwa Lesen lernen und Sprachentwicklung durch Bildschirme gefördert werden, dann kann ich mir nur an den Kopf langen. Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man Sprache durch ein menschliches Gegenüber lernt, das einem zugewandt ist, das liebevoll nachahmt, das freundlich korrigiert, und nicht durch das Betasten irgendeines Screens, der mit angeblich kindgerechten Bildern verziert ist.

Wenn Sie also (was Sie hoffentlich tun) zu Weihnachten Bücher verschenken, dann verzichten Sie bitte auch auf jegliche Form „Geräusche- machender“ Bücher. Meine Enkelin hatte solch ein Bauernhofbilderbuch, aus dem es muhte, krähte, quiekte und wieherte – und zwar derart perfekt, dass sie zuhörte, aber nicht nachzumachen versuchte. Seien Sie sicher: Niemand bellt und miaut so perfekt wie Mama, Papa, Oma oder Opa. Wir lernen in der Beziehung – also total analog!

Ihre Elke Meiners

PS: Im letzten Jahr wurden in Australien die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops wieder eingesammelt, weil die SchülerInnen alles Mögliche damit gemacht haben – nur nicht gelernt! Ich hoffe, dass wir nach den Erfahrungen mit dem achtjährigen Gymnasium nicht auch diesen Umweg noch werden gehen müssen. „Digital first – Bedenken later!“ war ein Slogan einer der jetzigen Bundestagsparteien. Das ist nicht nur sprachlich – im wahrsten Sinne des Wortes – unsäglich, sondern auch inhaltlich schlichtweg dumm: Es empfiehlt sich grundsätzlich, erst zu denken!