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Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!

…ist ein bekannter Ausspruch Martin Luthers. Ich habe über dieses Wort am 2. Advent des letzten Jahres gepredigt. Auch wenn wir uns inzwischen weit entfernt von dieser Zeit befinden und dem Frühling entgegen gehen, so sind dieses Wort und diese Predigt Gedanken, die ich gern noch einmal aufgreifen möchte. In wenigen Wochen feiern wir Konfirmationen in unserer Gemeinde. Für die Predigt damals habe ich unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden befragt, was ihre „Herzenssachen“ sind. Und diese sind ja nicht an die Adventszeit gebunden, wie bei uns allen ja auch. Die Frage nach dem, was uns am Herzen hängt, ist eine Frage für jeden Tag, genauso wie die Frage nach Gott. Deshalb ist in diesem Gemeindebrief zur Konfirmation diese Predigt abgedruckt.

„Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Um diesen berühmten Ausspruch Martin Luthers wollen wir heute an diesem zweiten Advent unsere Gedanken ein wenig kreisen lassen. Auch wenn dieses Wort so inmitten der Adventszeit kein ganz typischer Ausspruch für diese Zeit ist, so ist doch aber diese Zeit eine Zeit, die von vielen Menschen ganz intensiv im Herzen wahrgenommen wird. Es gibt keine andere Zeit im Jahr, die von so vielen Menschen mit einer solchen Intensität begangen wird und an der so viele Gedanken und Emotionen hängen, wie die Advents- und Weihnachtszeit. Das brauche ich, denke ich, auch nicht näher zu belegen. „Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Luthers Wort trägt eine einen adventlichen Charakter in sich. Diese Zeit ist die Zeit, in der wir darauf warten, dass Gott Mensch wird in der Weihnacht. Gott kommt unseren Herzen ganz nahe, indem er als Kind auf die Welt kommt, sich als Mensch zeigt – so wie wir auch Menschen sind. Er zeigt uns, wie sehr sein Herz an uns hängt. Nun fragt uns das Wort aber, woran unser Herz hängt. Und da würden mir – und Euch und Ihnen bestimmt auch – so manche Dinge einfallen, aber deshalb kann man all diese ja nicht gleich als Gott bezeichnen. Oder doch?

 Nähern wir uns Gott doch mal von einer der Kerngeschichten des Alten Testaments her. Dort zeigt sich Gott Mose, als „der, der er sein wird“. So wird es in der Geschichte vom brennenden Dornbusch erzählt. Gott ist keine Person oder starre Größe, die irgendwie über und jenseits von allem schwebt, sondern eine Macht, die sich in unseren Lebensvollzügen erweist.

Da setzt auch Luther an. Gott ist nicht der Seiende für ihn, sondern der Handelnde. Wir können Gott nicht im Sinne einer objektiven Erkenntnis nachweisen, sondern ihn nur in unseren Lebensvollzügen in unseren Herzen erspüren. Gott wird dort für uns „sichtbar“, wo wir spüren, woran wir unsere Herzen hängen. Er ist nur im Glauben erkennbar. Glauben ist Erkennen im Verborgenen.

„Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Das bedeutet also nicht einfach nur, was mir gefällt, ist für mich Gott, sondern von dem was mich bewegt, was mir am Herzen hängt, gelange ich zu dem, was mich in aller Tiefe umtreibt, was mich sicherlich auch zweifeln lässt, was mich aber auch im Leben trägt. Was kann das alles sein? Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Gemeinde habe ich am Dienstag vor einer Woche genau über diese Frage nachgedacht. Ohne große Vorbereitung, ganz spontan haben sie einfach begonnen aufzuschreiben, woran ihre Herzen hängen, was für sie im Leben am wichtigsten ist. Das Ganze habe ich zum einen schlicht mal statistisch ausgewertet, aber viel interessanter waren die Kombinationen der Nennungen und das was man zwischen den Zeilen herauslesen kann. Ich habe so was schon häufiger mal gemacht und war immer wieder erfreut, dass solche Experimente sich nicht auf einer materiellen Ebene abspielen, wie uns das so manche Studien manchmal vorgaukeln. Im Gespräch mit einigen Bekannten kam immer wieder mal die leicht ironische Frage: Na, was ist denen am wichtigsten? Das Smartphone? – Liegt vielleicht sogar nahe und habe ich auch schon – damals noch unter dem Begriff „Handy“ erlebt, aber es ist nicht das Smartphone! Drei Nennungen waren auf dem Zettel vorgesehen, bei einigen waren es auch ein paar mehr, so dass ich aus ca. 250 verschiedenen Herzenssachen meine Erkenntnisse und Schlüsse ziehen konnte. Smartphones waren nur ganze drei zu finden.

Die häufigsten Dinge – wobei „Dinge“ kein richtig guter Begriff ist – waren die Worte: Familie und Freunde. Das war manches Mal auch anders umschrieben wie „Menschen, denen ich vertraue“, „Menschen, die mich begleiten" oder ähnlich.

Weit über die Hälfte der Nennungen dessen, woran das Herz der Jugendlichen hängt, waren Menschen. Und da sind wir ganz schnell und gleichzeitig ganz tief in der Weihnachtsbotschaft angekommen oder auch in der Adventsbotschaft, die ich immer als die Sehnsuchtsform dessen ansehe, was sich Weihnachten erfüllen sollte. „Gott wird Mensch“ bedeutet eben, dass er uns in den Menschen begegnet. Symbolisch wird die Geburt im Stall erzählt. Sie steht aber für die natürliche Geburt eines jeden Menschen.

Und diese kommen auf uns zu – als erstes in der Familie, in die wir hinein geboren werden, dann aber ganz besonders in den Freunden, also denen, denen wir besonders verbunden sind. So steckt Gott aber eben auch in uns selbst, in unseren Herzen, denn wir sind ja nicht nur die, auf die Gott zukommt, sondern auch die, die auf andere zukommen.

Dieser Kreis von Menschen lässt sich sicherlich ausweiten, doch halte ich es für normal, dass man als erstes an die denkt, mit denen man eng verbunden ist. Auch haben durchaus einige Jugendliche den Gedanken auch auf andere Wesen, in dem Fall Haustiere, ausgeweitet. Dieser universellere Focus ist sicherlich richtig, aber als Mensch denkt man ja häufig sehr Mensch-zentriert. Das hat die Bibel auch schon getan.



Nach den Menschen, an denen das Herz hängt, kamen viele Nennungen, die ich versucht habe in ein paar Komplexen zusammen zu fassen. Auch hier ging es nicht materiell zu, zumindest nicht in dem Sinne, wie sich das Erwachsene häufig vorstellen – „mein Haus, mein Auto, meine Yacht“.

Es ging mehr in die Richtung der Grundbedürfnisse. Essen und Trinken waren vielen wichtig. Und ohne das können wir ja tatsächlich nicht leben. Da waren dann auch mal ein paar ganz konkrete Nennungen dabei, wobei z. B. beim Essen hin und wieder in Klammern „gutes“ stand, was aber ja zwei Richtungen hat, die Richtung „lecker“ aber eben auch die Frage nach der Qualität, die sich dann in Richtung Nachhaltigkeit, aber auch in Richtung Gerechtigkeit ausdehnen lässt, wenn man sich überlegt, wie viele Menschen sich vielleicht ernähren können, aber nicht wirklich gesund.

Klar kam da auch mal: Woran hängt dein Herz? – Schnitzel! Schokolade! Cola!

Ebenfalls greifbar war auch die Antwort „ein Zuhause“. Das hatte auch zwei Richtungen. Bei den einen war es eher das Zuhause im Sinne eines Daches über dem Kopf, bei den anderen im Sinne einer Heimat, was ja nicht das Gleiche ist.

Gesundheit wurde auch so manches Mal genannt. Das ist so eine Erfahrung, die man besonders dann macht, wenn man selbst erst mal die Bedrohung erlebt, was es heißt nicht gesund zu sein, entweder selbst oder in dem Kreis an Menschen, die einen umgeben und begleiten.

Ein weiterer wichtiger Komplex ist der der „Werte“, wie ich es vielleicht nennen möchte. Diese möchte ich einfach mal aufzählen, ohne sie auszudeuten, denn da könnte ich wahrscheinlich bis nächstes Jahr Advent durchpredigen. Liebe, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Respekt, Loyalität, Spaß, Trauer, Freude… und viele mehr. Diese alle spiegeln sich dann natürlich im Umgang mit den anderen Komplexen wieder, wie es ohnehin Überschneidungen in den Gedanken gibt.

„Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ – da sind zwei Gedankenkomplexe dabei gewesen mit denen ich so überhaupt nicht gerechnet hätte. So schrieben einige Jugendliche davon, dass ihr Herz an Erinnerungen hängt. Das hätte man, wenn überhaupt, eher von älteren Menschen erwartet. Wenn man es aber genau überlegt, ist das eine zutiefst religiöse Betrachtung, wenn man sich das Wort Religion selbst anschaut: Re-ligio – eine Rückverbindung an das, woher wir kommen, was uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Und was sind wir heute? – Da kam ich an den zweiten Gedanken, der rein statistisch den zweiten Platz bei den Nennungen eingenommen hat. Ich weiß nicht genau, wie man ihn nennen soll, vielleicht „Aktivitäten“ oder „sinnstiftende Beschäftigungen“. Die Jugendlichen haben häufig irgendwelche Hobbys oder Sportarten genannt. Ebenso auch Erlebnisse, z. B.: von Reisen, aufgeführt. – Das Herz hängt sich nicht an Statisches, sondern an das, was unser Leben zum Leben macht; das was wir tun, was wir erleben. Gott zeigt sich dort, wie schon im Alten Testament als der, der er sein wird. Gott finden wir dort, wo wir mit ganzem Herzen unser Leben für uns sinnerfüllt leben.

Fast könnte man aus diesen Gedanken den großen deutschen 1977 verstorbenen Philosophen Ernst Bloch ein wenig heraus hören, wie er das Christentum von seiner atheistischen Seite her betrachtet. Aber so weit will ich nicht abheben.

„Woran du aber dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ – Ein Theologe des 20. Jahrhunderts, Paul Tillich, hat diese Formulierung in ähnlicher Weise wieder aufgenommen. Er sagte, Gott sei der Name für das, was uns Menschen unbedingt angeht, also für das, was eben unser Leben zu dem macht, was es ist. Gott ist Grund und Tiefe unseres Seins – und dorthin gelangen wir nur, wenn wir uns immer wieder die Frage stellen, was uns im Leben wichtig ist, was uns am Herzen liegt.

Gott wird Mensch ist die Botschaft der Weihnacht – Mensch wie wir alle, ganz einfach. Die Adventszeit in der wir uns befinden ist der Weg dahin. Sie ist die Suche des Herzens. Lasst uns entdecken, wo wir Gott dort finden könne, in dem, woran unsere Herzen hängen.

Es grüßt ganz herzlich,
Ihr Clemens Hütte