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Aus Erntedank wird „Erntedenk“

Erntedank – das ist eins von diesen Festen, wo man sich auf alte Traditionen besinnt. Da ist der geschmückte Altar in der Kirche. Obst, Gemüse, Brot und einiges mehr liegt darauf, schön dekoriert. Von der Decke hängt die Erntekrone.

Danken für die Ernte, den Lohn der bäuerlichen Mühe und Arbeit, das ist etwas ganz natürliches. Das gab es schon in vorchristlichen Zeiten und fast alle Religionen kennen ähnliche Feste, die dann vielleicht zu anderen Zeiten im Jahr gefeiert werden, weil die klimatischen Bedingungen die Ernte eben zu anderer Zeit hergeben.

Gleichzeitig wirkt der Dank seltsam fremd, denn wir leben in einer Gesellschaft, die zu jeder Zeit alles bekommt, wenn man nur genügend Geld hat. Fast rund um die Uhr bekommen wir alle möglichen Lebensmittel dieser Erde im Supermarkt, so dass so mancher gar nicht mehr auf die Idee kommt, dass das nicht selbstverständlich ist und schon schimpft, wenn mal irgendein Produkt vergriffen ist.

Da drängt sich mir die Frage auf, ob an die Seite des Dankes nicht etwas Weiteres gestellt werden muss, das Erntedank- zu einem Erntedenkfest werden muss. Das Danken und Denken gehört meines Erachtens unaufhörlich zusammen.

Ein erster Gedanke, der mir da kommt ist die Frage nach gerechter Verteilung dessen, was man zum Leben braucht. Wir danken vielleicht dafür, dass es uns gut geht, aber wir denken auch daran, dass das nicht überall so ist. Und dann kommen die Fragen: Warum ist das so? Warum sind die Güter dieser Welt so unfair verteilt? Wie kann es sein, dass die reichsten etwa 60 Menschen der Welt genauso viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung? Ist das fair? Muss jeder Mensch selbst sehen, dass er zu seinem Recht kommt oder müssen wir die Gesellschaft so konzipieren, dass wir uns gegenseitig helfen müssen. Letzteres werden die meisten sicherlich mit „Ja“ beantworten, aber wie das gehen kann, da gehen die Meinungen und das Engagement sehr auseinander. Und nicht selten landet man dann auf sehr moralischen Ebenen. Muss es nicht immer Menschen geben, die ärmer sind als andere? Ist völlige Gleichheit nicht einfach nur eine andere Form von Ungerechtigkeit? Da kann man sich bei einem Statement ziemlich Mund und Finger verbrennen. Manche Fragen sind wirklich so schwierig, dass wir uns kaum entscheiden können, was fair ist und was nicht.

Ein zweiter Gedanke, der sich aufdrängt beim Erntedenken ist der nach der Produktion. Ich fand es sehr interessant vor kurzem einigen Konfirmandinnen und Konfirmanden zuzuhören, die die Frage von Fleisch aus Supermärkten diskutierten. Kann man guten Gewissens das abgepackte Fleisch aus den Kühltheken kaufen – bei den meisten Produkten fällt das schwer.

Allein der Preis lässt unendlich viele Rückschlüssen darauf zu, wie das Fleisch produziert worden ist. Bei den Jugendlichen fiel irgendwann der Satz: Ich muss zumindest wissen, wo das Fleisch herkommt. Das ist sicherlich ein guter Weg. Und einen ähnlichen Weg sollte man auch bei anderen Lebensmitteln einschlagen.

Doch lauern beim Einkauf ja durchaus auch noch andere Fallen. Was ist mit dem ganzen Verpackungsmüll? Es geht ja nicht nur darum, wie etwas produziert wird, sondern auch darum, was wir mit der Umwelt tun, die man ja braucht, um zu Leben und eben auch um Lebensmittel zu produzieren. Da kann man durchaus verzweifeln. Zwar sind Plastiktüten inzwischen weitgehend aus den Geschäften verbannt, doch fragt man sich schon, warum der Salat oder der Kohl eine Plastikfolie braucht.

Und so stolpern wir in die nächsten Pro- blematiken, die dann mit dem Dank für die Nahrung kaum noch was zu tun haben, uns aber aufzeigen, wie komplex so ein Thema werden kann, wenn man bereit ist, sich tiefere Gedanken zu machen. Es sind die grundsätzlichen Fragen nach Umwelt und Klima. Gerade die „Fridays-for-Future-Bewegung“ hat ja eine ganz neue Dynamik in diese Diskussion gebracht.

Das Denken über das Danken führt uns in sehr viele komplexe Gebiete und stellt uns immer wieder vor die schwierige Frage, wie wir uns richtig verhalten können. Den meisten ist klar, dass es wichtig ist, ein Bewusstsein für viele dieser Probleme zu entwickeln und das Verhalten zu ändern. Es ist aber auch klar, dass das kaum so möglich ist, wie es in aller Konsequenz eigentlich sein sollte.

Die Hilflosigkeit mancher bei diesen Fragen spiegelt sich in manchmal eigenartigen Verhaltensweisen. Manche ignorieren einfach jegliche Problematik, kaufen so ein, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Das ist natürlich auch ein Weg. Andere aber verändern ihr Konsumverhalten bis in die Ernährung hinein, dass es religiös-dogmatische Ausmaße annimmt, denen man gar nicht mehr standhalten kann. Kompromisslose Prinzipientreue ist aber ebenso wenig ein sinnvoller Weg, wie zynische Gleichgültigkeit.

Der Philosoph Theodor Adorno hat einmal den Satz geprägt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Er geht davon aus, das Leben immer „beschädigtes Leben“ ist. Um daran nicht zu verzweifeln, müssen wir Widersprüche wahrnehmen und zulassen und vor allem immer wieder aushalten.

Einen ähnlichen Gedanken finden wir in der Bibel beim Prediger im Alten Testament: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest… Es ist gut, wenn du dich an das hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ (aus Prediger 7)

Da ist weder der faule Kompromiss, noch abgestumpfte Gleichgültigkeit. Wir werden nicht alle Probleme der gerechten Verteilung lösen können, genauso wenig wie wir Umwelt und Klima allein retten können. Hier ist kluger Pragmatismus gefragt. Aber trotzdem sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben, mit dem Unmöglichen zu rechnen und da ist das Danken ein guter Anfang, wenn es zum Denken führt.

Clemens Hütte